Hohe Wellen, starke Winde, heisse Lava: Diese 62-Jährige trotzt den Strapazen beim Ironman Hawaii

3,8 Kilometer Schwimmen im offenen Meer, 180 Kilometer Velo fahren bei rauen Winden und einen Marathon laufen bei Hitze. Petra Sieber (62) aus Horw hat sich den Traum vom Ironman auf Hawaii erfüllt.

Für viele ist Hawaii ein Sehnsuchtsort, besonders für Triathletinnen und Triathleten. Der Ironman auf der pazifischen Insel gilt als einer der härtesten Ausdauerwettkämpfe der Welt. 94’000 Athletinnen und Athleten versuchen sich jedes Jahr zu qualifizieren. Petra Sieber aus Horw erfüllte sich ihren Traum einer Teilnahme im letzten Oktober. Für die 62-Jährige war dies aber noch nicht genug: Sie wollte nicht nur teilnehmen, sondern das Rennen als Finisher beenden.

 

 

Vor 15 Jahren beginnt Sieber mit dem Triathlon. «Es war hart und schrecklich», sagt Sieber über ihren ersten Wettkampf über die olympische Distanz (1,5 km Schwimmen, 40 km Velo und 10 km Laufen). Obwohl sie dachte, mehr geht nicht, startet sie ein Jahr später über die halbe Ironman-Strecke (1,9 km Schwimmen, 90 km Velo und 21,1 km Laufen).

Petra Sieber auf ihrem Rennvelo, die Unterarme sind auf dem Lenker abgestürtzt. Sie trägt einen Helm, eine pinke Hose und ein weisses Trikot. im Vordergrund isr die Strasse, im Hintergrund ist ein schwarzes Lavafeld und am Horizont Palmen.
Petra Sieber kämpft gegen die Naturgewalten. Bild: PD

In einem Trainingslager wird ihr die Langstrecke ans Herz gelegt. Daraufhin startet sie in Barcelona und platziert sich an ihrem ersten Ironman-Rennen (3,8 km Schwimmen, 180 km Velo und 42,2 km Laufen) auf dem vierten Rang. Spätestens da habe sich Hawaii in ihre Gedanken eingebrannt, so Sieber, denn: «Hawaii ist der Ritterschlag für jeden Triathleten.» Sie wusste, sie kann es schaffen.

Hohes Trainingspensum und schwierige Qualifikation

Sieber hat viel Energie und bezeichnet sich als diszipliniert. Das abwechslungsreiche Training gefällt ihr. Sie trainiert zehn bis zwölf Stunden in der Woche, vor einem Wettkampf erhöht sich das Trainingspensum auf 20 bis 25 Stunden. Zum Training zwingen müsse sich die Verlagsleiterin aber nie. Auch wenn das erste Lauf- oder Schwimmtraining vor dem Frühstück stattfindet oder wenn sie nach der Arbeit für die längeren Einheiten auf ihr Velo steigt.

 

 

Schon die Qualifikation für die Ironman World Championships ist schwierig. In Siebers Altersklasse gibt es pro Ironman-Rennen einen Startplatz für Hawaii. Zwar gibt es weltweit 40 Qualifikationsrennen, doch einen so intensiven Wettkampf zu absolvieren, sei körperlich nur ein- oder zweimal im Jahr möglich. Nach zehn halben und sechs ganzen Ironman-Rennen qualifiziert sich Sieber in Thun 2021 mit dem zweiten Rang, nachdem die Erstplatzierte auf den Startplatz auf Hawaii verzichtete.

 

 

Zusammen mit ihrer Familie reist Sieber im Oktober auf die Vulkaninsel. Das strenge Rennen von Kailua-Kona muss sie aber allein bewältigen. Auf der gesperrten Strasse sind nur wenige Fans anzutreffen, externe Hilfe führt zur Disqualifikation und im Windschatten fahren ist verboten. Nur am Start und am Ziel werden die Athletinnen und Athleten angefeuert, sonst sind sie auf sich allein gestellt. Eine zusätzliche mentale Herausforderung zu den körperlichen Strapazen und den Wetterbedingungen der Insel.

Am Renntag zeigt sich Hawaii von seiner wilden Seite

Die Besonderheit von Hawaii: Die weltbesten Profis starten neben Amateuren und alle Altersklassen sind vertreten. «Am Renntag hat die Insel alles gegeben und mit allen Elementen gezeigt, warum das Rennen so berüchtigt ist», erzählt Sieber. Die 3,8 Kilometer lange Schwimmstrecke liegt im offenen Meer. Es ist Siebers Lieblingsdisziplin, doch der starke Wellengang und die Strömungen des Pazifiks sind nicht zu vergleichen mit ihrer gewohnten Trainingsstätte, dem Vierwaldstättersee.

 

Nachdem Sieber aufs Velo wechselt, muss sie sich übergeben. «Mir ist noch nie schlecht geworden, vielleicht habe ich Wasser geschluckt», sagt sie. Alles andere als gewünschte Bedingungen, denn der Kalorien- und Wasserhaushalt ist bei dieser Extrembelastung sehr wichtig. Bis zu 10’000 Kalorien braucht der Körper, um den Ironman zu schaffen. Doch Aufgeben ist für Sieber keine Option. Sie ist geschwächt und fährt die ersten Kilometer unter ihrem Können. Im Laufe des Tages wird es über 34 Grad warm. Die gespeicherte Wärme der schwarzen Lavasteine erhitzen den Asphalt auf 60 Grad.

«Zusätzlich haben die starken Windböen mit bis zu 80 Stundenkilometern an meinem Rad gerupft.»

Nach 180 Kilometer auf dem Velo tritt Sieber den Marathon an. Die Laufstrecke führt durch die hügeligen Lavafelder. «Die dunkle Laufstrecke ohne Publikum hat mich mental besonders gefordert», sagt Sieber. Trotzdem geniesst sie die hawaiianische Natur und konzentriert sich aufs Hier und Jetzt. Sie läuft weiter, denn was sie magisch anzieht, das ist der Zieleinlauf auf dem legendären Alii Drive.

Besonderer Motivationsschub für Sieber

Und sie erlebt einen unerwarteten Motivationsschub. Im Mentaltraining hat sie ein Lied verankert, dass ihr helfen soll, wenn es schwer wird. Auf einmal hört sie «auf der rechten Seite das Meer, auf der linken das Lied». Per Zufall ist sie genau in dem Moment an der Stelle, an der ihre Familie, die Security-Leute überreden konnten, dieses Lied zu spielen.

Petra Sieber auf ihrem Rennvelo, die Unterarme sind auf dem Lenker abgestürtzt. Sie trägt einen Helm, eine pinke Hose und ein weisses Trikot. im Vordergrund isr die Strasse, im Hintergrund ist ein schwarzes Lavafeld und am Horizont Palmen.
Petra Sieber plant zurück zu zukommen. Bild: PD

Nach 17 Stunden, neun Minuten und zwölf Sekunden hat es Petra Sieber geschafft, sie ist Finisher vom Ironman Hawaii. «Auf Hawaii zählt nur eines: das Rennen zu beenden, die Zeiten sind egal.» Trotz aller Widrigkeiten hat an diesem Tag alles gepasst: die Flüssigkeit- und Kohlenhydratzufuhr, das Velo hat nicht versagt und Sieber hat körperlich und mental durchgehalten. 12 Prozent in ihrer Altersklasse haben es in diesem Jahr nicht ins Ziel geschafft.

 

 

Wird sie diese Strapazen, die lange Reise und die vielen Trainingsstunden noch einmal auf sich nehmen, um ein zweites Mal auf Hawaii zu starten? «Als ich am Start stand, sah ich die älteste Teilnehmerin von diesem Jahr. Sie ist 78. Das motiviert mich weiterzumachen.» Sieber will sich wieder qualifizieren, doch nicht im nächsten Jahr. Ihr Körper braucht Zeit, um sich zu erholen. Deswegen wird sie es etwas ruhiger angehen und Rennen der halben Ironman-Distanz bestreiten.

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