Im weissen Fiat Ducato von Heidi Ulrich finden zehn Segel, acht Bretter und 20 Finnen Platz. In ihrem selbstausgebauten Camper ist die 37-Jährige mit ihrem Partner auf der Suche nach den windigsten Ecken Europas. Der aktuelle Standort des Campers mit Urner Kennzeichen ist unter Windsurfern kein Geheimtipp: Der Plage Du Rouet nahe der Stadt Perpignan in Südfrankreich. Das französische Departement gehört zu den windigsten Orten der Welt.
115 Kilometer pro Stunde bliess der Wind vergangene Woche. Ein Sturm, der auch mal Bäume entwurzelt oder Dachziegel davon bläst. Touristen verirren sich bei diesem Wetter keine an den Strand. Auch die Einheimischen wählen die Badewanne zum Planschen, nicht das 15 Grad kalte Meer. Ausser sie sind selbst Windsurfer. Auch Ulrich zog es an diesem Tag ins Wasser. Dass neben dem starken Wind auch ein Rekord in der Luft lag, davon ahnte sie jedoch nach dem Aufstehen noch nichts.
Obwohl der Strand prädestiniert zum Windsurfen ist, waren die Bedingungen an diesem Tag alles andere als ideal. Nicht nur die Windstärke, auch der richtige Einfallswinkel muss stimmen. Nur wenn das Wasser möglichst flach und ohne Wellen ist, wird Reibung vermieden, die sonst das Surfbrett abbremst. Die Ideallinie für die Athletinnen und Athleten ist nah am Ufer. Doch der Wellengang hatte in der Nacht Sandbänke geschaffen, die dies zu einem Slalomlauf machten.
Mehrere Versuche startete Ulrich an diesem Tag. «Drei, vier liefen gut, beim Rest ging es ums Überleben», erzählt Ulrich. Immer wieder musste sie den Sandbänken ausweichen. Dabei zu weit auf das offene Meer zu treiben, ist besonders gefährlich. Denn eine Jet-Ski-Rettung wie bei einem Wettkampf gibt es keine. Aus Sicherheitsgründen gab Ulrich beim Training auch nicht 100 Prozent. Sie sagt:
«Die letzen zehn bis zwanzig Prozent zeige ich im Wettkampf»
Heidi Ulrich
Ein Versuch lief nicht nur gut, sondern hervorragend: Heidi Ulrich surfte mit einer Maximalgeschwindigkeit von 85,3 km/h. Sie überbot ihren eigenen Rekord. Auch in diesem Jahr ist sie schnellste Surferin auf offenem Gewässer und darf sich mit dem offiziellen Rekord «World’s fastest woman on open water» schmücken. Ein weiterer Rekord für ihre erfolgreiche Statistik.
Normalerweise würde Heidi Ulrich in dieser Jahreszeit in Namibia sein. Dort wird einmal im Jahr der Kanal ausgebuddelt, um den weltbesten Speedsurferinnen und Speedsurfern die Wasserfläche zu bieten, die sie brauchen, um Weltrekorde aufzustellen. Der Kanal ist etwas für Profis. Maximal 10 Meter breit, etwas mehr wie 500 Meter lang und an einem Ort, an dem der Wind pfeift: Der Kanal ist der Sehnsuchtsort von Heidi Ulrich, seit sie zu Beginn ihrer Karriere als Zuschauerin dort war.
Doch in diesem Jahr fand ihr Surfbrett keinen Platz im Frachtraum des Fliegers in die afrikanische Wüste. Die Gründe hängen, wie könnte es anders sein, mit Corona zusammen. Zwar konnte Ulrich die wenigen Wettkämpfe für sich entscheiden. Doch das eingeschränkte Reisen machte das Training schwierig, die Transport- und Reisekosten der Fluggesellschaften waren teurer als gewöhnlich. Somit konnte sie ihre Ausrüstung nicht ausreichend testen. «Und im Kanal testet man kein Material», sagt Ulrich. Das Verletzungsrisiko wäre zu hoch gewesen. Bei Ulrich ist bis auf blaue Flecken und Prellungen noch nichts Schlimmeres passiert. Sie weiss genau, wo ihre Grenzen liegen.
Es war eine schwere Entscheidung für die Topathletin, den Event in Namibia abzusagen. Die GPS-Messung beim Training in Südfrankreich zeigt, sie ist in Höchstform. Der Traum, den Kanal von Namibia zu surfen, das spornte sie einst an, besser zu werden. Dort will sie den Rekord über 500 Meter knacken, an dem sie bei ihrem letzten Versuch 2019 wegen nur 2 km/h scheiterte. «Der Entscheid, 2021 in Namibia nicht anzutreten, ist gefallen», sagt Ulrich.
«Der Geschwindigkeitsrekord auf dem offenen Wasser zeigt, dass ich auf einem guten Weg bin für den Weltrekord.»
Heidi Ulrich
Manchmal fragt sie sich selbst, warum sie diese Strapazen auf sich nimmt. Aber dieser eine Rekord im Kanal, das ist die Motivation für Heidi Ulrich. Deshalb verlässt sie auch in stürmischen Zeiten ihren gemütlichen Camper, geht aufs Wasser und trainiert. Auch am Tag nach ihrem Geschwindigkeitsrekord.
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