Julien Clémence klettert im Flow

Der Schweizer Meister im Bouldern verpasste die Selektion für den Weltcup. Doch der 21-Jährige gibt nicht auf.   

ein kletterer hängt nur an seinen Zehenspitzen kopfüber an einer Kletterwand
Bild: Dominik Wunderli

Julien Clémence hängt kopfüber, die Zehen sind sein einziger Halt an der Kletterwand. Er lächelt in die Kamera. Der Auslöser summt einige Sekunden, dann verliert der Kletterer die Kraft. Clémence fällt und rollt sich geschickt auf dem Rücken ab. Bouldern ist die Kletterdisziplin, bei dem es keinen Klettergurt braucht. Dafür federt eine dicken Matte den Boden ab, damit bei einem Absturz nichts passiert.

Steht man selbst vor einer Kletterwand, kann die Orientierung schwerfallen. Nimmt man die Route mit den kleinen gelben Griffen oder doch lieber die grossen Roten? Und wie sollen die Griffe im Überhang bezwungen werden? Das Klettergreenhorn wird versuchen, sich mit Muskelkraft nach oben zu ziehen. Doch ohne die richtige Klettertechnik wird für ihn an diesem Griff Endstation sein.

Mit der richtigen Technik ganz nach oben

Die Klettertechnik ist die Stärke von Clémence. Schweizweit schaffte es der Gisikoner unter die Besten in seiner Altersklasse. Er sei weniger der Kraft-Typ, doch: «Man kann viel erreichen mit einer guten Technik.» Um auf der internationalen Ebene mithalten zu können, braucht es zusätzliches Krafttraining. Sonst passiert der Muskelaufbau beim Bouldern durch regelmässiges Klettern wie von selbst, sagt Clémence.

Der 21-Jährige hat noch eine andere Idee abzuhängen und der Fotograf ordnet sich neu. Clémence ist spontan. Er klettert seit zehn Jahren und strebt in diesem Jahr eine weitere Profi-Saison an. Nachdem er 2021 seine Lehre als Kaufmann beendete, nahm er sich ein halbes Jahr Zeit zum Reisen, absolvierte im letzten Winter die Spitzensport RS und konnte sich optimal auf sein Training konzentrieren. Er startete an der EM in München und im Weltcup.

Schwierige Zeiten liegen hintern ihm

Bevor der Kletter-Profi losklettert, hat er seine Züge im Kopf. Er kann die Wand lesen und im Wettkampf innerhalb von wenigen Minuten die Kletteraufgabe lösen. Clémence hat ein gutes Auge, um einen effizienten Weg durch die Wand zu finden. Für die Einsteiger empfiehlt er, die Route in der Kletterhalle zu wählen, die einen anspricht. Ob die Aufgabe zu schwer ist, wisse man erst, wenn man es probiert habe. Wichtig sei, sich den ersten Kletterschritt nach dem Start vorzustellen. Er ist selbst Routenbauer und weiss: 

«Dann kommt man in den Flow.»

Julien Clemence ist Kletterer und klopft das Magnesia in den Händen.
Bild: Dominik Wunderli

Geduld im Leben und in der Kletterwand

In der Kletterwand weiss Clémence, wie es ist, an den Schlüsselstellen immer wieder zu scheitern. Manchmal braucht es Geduld, um nicht zu verzweifeln. Klappt ein Boulder-Problem nicht, sucht Clémence eine neue Herausforderung oder er diskutiert mit den Kollegen über eine mögliche Lösung. Für grössere Video-Projekte tauscht er sich auch mit Leuten aus anderen Sportarten aus. Clémence weiss: «Irgendwo gibt es den Tipp, der den Schalter umlegt.» Umso schöner ist das Gefühl am Ende, wenn das Problem an der Kletterwand gelöst und die Hände den obersten Klettergriff berühren.

Auch wenn die Aufgabe in der Kletterwand unmöglich zu bezwingen erscheint, Clémence probiert es trotzdem. Er hat Vertrauen in sein Können. Er will sich zurück in den Weltcup klettern. Sein Fokus liegt im Bouldern, aber auch am Heim-Weltcup in Villars in der Disziplin Lead will er starten. Sein Saison-Highlight sollen die Weltmeisterschaften in Bern sein. Aufgrund der Heim-WM gibt es für das Schweizer Team fünf Startplätze pro Disziplin und Kategorie. Die Wahrscheinlichkeit, dass er im August starten kann, ist hoch. Clémence bleibt ambitioniert: 

«Ich kann immer noch Weltmeister und Olympiasieger werdenzeige.»

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