Mit dem Ruderboot in die Karibik

Die Luzernerinnen Sonja Graf und Marina Hunziker sind beim härtesten Ruderrennen der Welt angetreten.

75 Tage, zehn Stunden und sechs Minuten waren Sonja Graf und Marina Hunziker nur von Wasser umgeben. 5285,6 Kilometer ruderten sie von La Gomera auf den Kanarischen Inseln in das karibische Antigua. Natürlich kennen die beiden Luzernerinnen diese Zahlen auswendig. Denn es sind die Zahlen des grössten Abenteuers ihres Lebens. Die zwei 31-Jährigen überquerten den Atlantischen Ozean.

Sonja Graf (helle Haare) und Marina Hunziker sind über den Atlantik gerudert und haben eine wohltätige Organisation unterstützt. Fotografiert am Luzerner Seebecken.
Sonja Graf (helle Haare) und Marina Hunziker sind über den Atlantik gerudert. Bild: Manuela Jans-Koch

Beide Frauen beschreiben sich als stur, lösungsorientiert und abenteuerlustig. Eigenschaften, die es braucht, um am härtesten Ruderrennen der Welt teilzunehmen. Von der Idee bis zum Start vergehen drei Jahre. Eine Doku über die Teilnahme eines Schweizer Teams an der Talisker Whiskey Altantic Challenge bringt alles ins Rollen. Es lässt Marina Hunziker aus Meggen nicht mehr los, sie berichtet ihrer Freundin Sonja Graf davon. Beide sind begeistert, sofort überlegen sie, ein Team zu gründen, obwohl keine von ihnen je in einem Ruderboot sass. «In der Natur und auf sich allein gestellt zu sein, hat uns an der Herausforderung am meisten fasziniert», sagt Hunziker. «Wir wollten Situationen erleben, die uns körperlich und mental herausfordern», fügt die Krienserin Graf hinzu. 

«Wir wollten herausfinden, ob wir uns selbst wirklich so gut kennen, wie wir denken.»

Vom Vierwaldstättersee auf den Atlantik

Im Ruderklub Luzern nehmen sie zum ersten Mal die Ruder in die Hand. Es ist der Beginn ihres «Prowject X» mit dem Ziel, den Atlantik zu überqueren. Nachdem sie sich mit anderen erfahrenen Schweizer Teams ausgetauscht haben, melden sie sich für das Rennen im Jahr 2021 an. Sie lancieren ihre Website und beginnen zu trainieren: im Fitnessstudio, auf dem Heimtrainer und im Ruderboot auf dem Vierwaldstättersee. Aber auch Erste-Hilfe- und Survival-Kurse oder Mentaltraining stehen auf dem Programm. Gleichzeitig müssen sie sich Kenntnisse über das Funken, das Boot und das Rudern auf dem Ozean aneignen. Mit gutem Zeitmanagement und einer optimalen Aufgabenverteilung stemmen sie die Vorbereitungen neben ihrem Beruf. Die Finanzierung können sie teilweise mit Crowdfunding und Sponsoren realisieren.

Ursprünglich wollten Graf und Hunziker im Viererteam starten, doch passende Kolleginnen zu finden, war schwierig. «Wir können einander auch mal etwas sagen, ohne dass wir einen grossen Streit haben oder die Freundschaft kaputtgeht», sagt Graf. Mit Fremden wollten sie nicht monatelang auf dem Wasser verbringen. So beschlossen sie, zu zweit teilzunehmen. 

Am 12. Dezember 2021 erfolgt der Startschuss. «Die Vorfreude war vor dem Start am grössten», sagt Hunziker. «Wir wollten endlich los.» Zunächst rudern sie gemeinsam, um sich schnell von der Insel zu entfernen. Dann ändern sie ihren Rhythmus. Zwei Stunden rudern, zwei Stunden Pause, während die andere übernimmt und das Boot auf Kurs hält. Gerudert werden muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie leben autark, entsalzen Meerwasser und generieren ihren Strom über Solarpanels. Auf einem kleinen Gaskocher bereiten sie sich ihre Mahlzeiten zu.

Wetterkapriolen und Batterieprobleme

Auf ihrer Reise erleben Graf und Hunziker Sonnenuntergänge, begegnen Delfinen, Meeresschildkröten und Haien, aber sie müssen auch Stürme aushalten und starken Strömungen trotzen. Besteht die Gefahr, zu weit abgetrieben zu werden, oder ist es zu gefährlich, weiter zu rudern, setzen sie den Para-Anker. Er ist eine Art Ballon, der sich im Wasser aufspannt und dafür sorgt, dass das Ruderboot auf der Stelle bleibt. Angst haben sie nie, in ihrem Aluminiumboot fühlen sie sich sicher.

Ihr Alltag: rudern, essen, schlafen und Sachen reparieren. Schon am fünften Tag bemerken sie, dass die Solarstrombatterie sich zu schnell entlädt. Erst nach einem Monat können sie die Ursache finden. Neben den Wetterkapriolen und Batterieproblemen gibt es auch die kleinen Tücken des Alltags. Die Kleidung per Hand zu waschen, ist schmerzvoll. Die Blasen und das Seifenwasser lassen ihre Hände anschwellen. Auch die Bootunterseite muss regelmässig von Algen befreit werden. Um es zu putzen, müssen sie unter das Boot tauchen. Eine Arbeit, die zusätzlich zum Dauerrudern viel Energie kostet. Immerhin wird das Wasser immer wärmer, je näher sie der Karibik kommen.

«Die Zeit war körperlich und mental sehr anstrengend. Ich bin aber nicht an den Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr weiterwusste oder aufgeben wollte», sagt Graf. Momente, in denen sie das Ruder hinwerfen, gibt es zwar, doch sie sind nur kurz. Denn inmitten des Ozeans ist die einzige Möglichkeit, um irgendwo hinzukommen, nun mal zu rudern. Hunziker sagt: 

«Aufgeben ist einfach keine Option. Du kannst niemanden anrufen oder ein Taxi bestellen.»

Die letzten 24 Stunden des Rennens rudern Graf und Hunziker nochmals gemeinsam. Von den 36 Teams erreichen sie am 25. Februar als 35. das Ziel. Nach ihrer Ankunft auf Antigua gönnen sie sich ein paar Tage am Strand, bevor es in die Schweiz zurückgeht. Bei ihrem Abenteuer haben sie viel gelernt. Sie seien entspannter und gelassener geworden. Nun wollen sie erst einmal die Dinge tun, die sie während des Ruderns entbehren mussten: ins Kino gehen oder mit dem Hund spazieren. Doch die Ruhe, das Wellenrauschen, die Abgeschiedenheit vermissen sie schon jetzt. Eine Pazifik-Überquerung können sie sich deshalb vorstellen. «Es macht schon süchtig», sagt Hunziker. «Wenn es nur um die Überquerung geht, sofort», ergänzt Graf, «Aber die Vorbereitungen sind sehr intensiv. Wir müssen den Job und unser soziales Umfeld neben dem Training vereinbaren.»

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