Tischtennis ist eine ideale Therapieform für Menschen mit Parkinson – so auch für die beiden Luzerner Kurt Bachmann (47) und Carlo Zanatta (49). An den Weltmeisterschaften in Kroatien gewannen sie Bronze im Doppel.
Schnelligkeit, Spielverständnis und eine auf den Ballwechsel abgestimmte Feinmotorik – Tischtennis lässt sich im ersten Moment nicht mit Parkinson in Verbindung bringen. Gleichwohl ist diese Sportart eine ideale Therapieform für Parkinsonbetroffene. Es geht darum, den kleinen Ball so auf der Tischplatte zu platzieren, damit er unerreichbar für die Gegnerin oder den Gegner wird. Deswegen ist es wichtig, die Spielzüge des Gegenübers zu antizipieren, um den Punkteverlust abzuwehren.
Kurt Bachmann aus Adligenswil und Carlo Zanatta aus Luzern spielen seit zwei Jahren zusammen Tischtennis. Kennen gelernt haben die beiden Familienväter sich durch «Move for young PD». Der Verein will junge Parkinsonbetroffene aus der Schweiz vernetzen, Wissen über die Krankheit vermitteln und mit gemeinsamen Aktivitäten den Austausch fördern. Die Präsidentin machte Bachmann auf «den crazy Typen aus Luzern, der mit der Vespa in Italien unterwegs ist» aufmerksam. Schnell entstand die Idee, neben gemeinsamen Partien bei Rapid Luzern zu trainieren.
Bewegung ist bei Parkinson wichtig. Am besten eignen sich bewegungsreiche Sportarten, die Stabilität bieten und bei denen man sich auf einen Punkt konzentriert. Studien zeigen, dass Tischtennis die Symptome verbessert. «Der Sport tut gut und der Krankheitsverlauf kann positiv beeinflusst werden», sagt Zanatta. Der 49-Jährige beobachte schon Spieler, die mit dem Rollator an den Tisch kamen und am ganzen Körper zitterten. Das Spiel begann – und die Symptome der Spieler waren in diesem Moment nicht mehr zu sehen.
Tischtennis helfe auch dabei, sich nicht im Schneckenloch zu verkriechen, sondern sich mit anderen zu treffen und auszutauschen, so Zanatta. «Wenn du eine Familie hast und berufstätig bist, hast du nicht viel Zeit über die Diagnose nachzudenken. Du musst versuchen, das Beste aus der Situation zu machen», sagt er. «Aufgeben ist keine Option», bestätigt Bachmann. «Es gehen Türen zu, immer wieder. Dann muss man eine andere Tür wieder aufmachen.» Mit dem Tischtennis ist dies dem 47-Jährigen gelungen. Er fand neue Kontakte und setzte sich neue sportliche Ziele.
«Der Sport tut gut und der Krankheitsverlauf kann positiv beeinflusst werden.»
Carlo Zanatta
Vor fünf Jahren wurden in den USA die Organisation Ping-Pong-Parkinson gegründet und die ersten Weltmeisterschaften durchgeführt. Seit letztem Frühjahr gibt es auch ein Schweizer Nationalteam. Im Oktober fuhren zehn Athletinnen und Athleten mit Trainerin Karin Opprecht von Rapid Luzern nach Kroatien zur WM.
«Es ist ein grosses Zusammenkommen, wie bei einem Familientreffen», sagt Zanatta. «Unsere Krankheit verbindet uns, aber auch unsere Freude an der Bewegung und am Tischtennis.» Insgesamt 160 Sportlerinnen und Sportler aus 20 Ländern starteten in Pula. Im gemieteten Haus, dem «House of Switzerland», lud das Schweizer Team die anderen Nationen abends zum Barbecue oder Buffet mit Schweizer Spezialitäten ein.
Doch Bachmann und Zanatta wollten in Kroatien nicht nur neue Freundschaften knüpfen, sondern auch Medaillen gewinnen. Da sie bei den German Open in Berlin im Doppel den 2. Rang erreichten und Bachmann im Einzel ebenfalls Silber gewann, waren sie auch an der WM ambitioniert. Kein einfaches Unterfangen, denn: «Das Niveau ist beträchtlich», so Bachmann.
«Man staunt, wie stark Parkinsonbetroffene spielen.»
Kurt Bachmann
Ihre Favoritenrolle bestätigten sie mit der Bronzemedaille im Doppel. «Wir sind ein super Team», sagt Bachmann. «Wir spielen so, dass wir die Stärken des anderen in Szene setzen.» Und nicht nur am Tisch, auch ausserhalb der Halle verstehen sich Bachmann und Zanatta gut. Im Einzel hatte Bachmann Lospech. Sein Minimalziel, im Haupttableau zu spielen, erreichte er. Doch im Achtelfinal schied er gegen den späteren Weltmeister aus: «Es ist wie überall im Sport: Für eine Medaille muss vieles zusammenpassen.»
Bei den nächsten Weltmeisterschaften in Österreich soll es dann für Kurt Bachmann auch im Einzel mit einem Podestplatz klappen – und die Medaille im Doppel verteidigt werden. Bis dahin spielen Bachmann und Zanatta die reguläre Meisterschaft und starten an Turnieren für lizenzierte Spieler. Sie wollen am Ball bleiben. Weitere Erfolge im Schweizer Team waren Silber im Damen-Einzel und Bronze im Damen-Doppel.
Die WM war nicht nur körperlich, sondern auch emotional anstrengend. «An einer WM ist man nervös, das drumherum ist speziell und man setzt sich noch zusätzlich unter Druck», sagt Bachmann. Viel Freizeit hatten die beiden Luzerner nicht. Jeden Tag bestritten sie Partien, und in der spielfreien Zeit unterstützten sie ihre Teamkolleginnen und -kollegen. Am Ende reichte es aber noch für ein Bad im Mittelmeer. So zeigten sie in Kroatien nicht nur Weltklasse-Tischtennis, sondern auch «die schönste synchrone Arschbombe».
Neben Alzheimer ist Morbus Parkinson die weitverbreitetste neurologische Krankheit weltweit. In der Schweiz sind 15’000 Menschen betroffen. Im 19. Jahrhundert wurde die Krankheit zum ersten Mal beschrieben, bis heute kann sie nicht geheilt werden. Ob Gene, Umweltfaktoren oder eine Kombination von allem die Auslöser für die Krankheit sind, können die Ärztinnen und Experten noch nicht abschliessend klären.
Bei Parkinson kommt es zu einem Dopaminmangel im Gehirn. Die Symptome und der Krankheitsverlauf sind individuell sehr verschieden. Neben dem Zittern treten häufig Gleichgewichtsprobleme und Steifigkeit in den Muskeln, aber auch Schlafprobleme und Depressionen auf.
Nicht nur ältere Personen, auch immer mehr junge Menschen können an Parkinson erkranken.
Mehr zum Verein für junge Parkinsonbetroffene: http://www.move4ypd.ch.
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