«Ich habe nie damit gerechnet»

An den Rollstuhl-Weltmeisterschaften gewinnt Fabian Blum aus Oberkirch die Silbermedaille. Der ehemalige Kunstturner verletzte sich vor knapp neun Jahren bei einem Doppelsalto an der Wirbelsäule.   

«Es ist immer irgendwas», sagt Fabian Blum lachend. Beim Interview ist sein rechter Unterarm mit schwarzen Physiotape stabilisiert, seine Hände sind voller Blasen und Abschürfungen. Obwohl der Athlet einen Handschutz trägt, sind seine Hände durch das viele und intensive Anstossen des Rennrollstuhls stark beansprucht.

Der Luzerner feierte Mitte Juli in Paris seinen grössten Karriereerfolg. «Ein unglaublicher Moment, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird», sagt der 28-Jährige. Beim letzten Stoss vor der Ziellinie schaut Blum noch einmal zu Seite. Er sieht, dass der Kolumbianer vor ihm liegt und glaubt, er sei Dritter. «Ich habe nie damit gerechnet, dass ich an der WM auf das Podium fahren kann.»

Glücklich darüber habe er gar nicht mehr auf die Rangliste geschaut, erzählt er. Erst in der Medienzone realisiert er: Er ist Vize-Weltmeister. «Dann war die Freude nochmals grösser.» Der Jubel im ganzen Schweizer Team ist gross, denn keiner habe mit diesem Erfolg gerechnet, erzählt Blum. Gegen viele seiner Gegner konnte er noch nie an einem Rennen gewinnen. «Dass es genau an der WM geklappt hat, ist genial.» Besonders stolz macht ihn, dass er damit einen Quotenplatz für die Schweiz für die Paralympics im nächsten Jahr gesichert hat.

Mehr Aufmerksamkeit für seinen Sport

Fabian Blum ist gelernter Elektroinstallateur und arbeitet halbtags als Elektroplaner bei der CKW. Mehrmals in der Woche trainiert er auf der Rundbahn und im Kraftraum. In dieser Saison stehen noch zwei Schweizer Rennen auf dem Programm. Es sind nicht die grössten und wichtigsten, trotzdem ist er motiviert.

Für mehr Aufmerksamkeit für den Rollstuhlsport will er an so vielen Events wie möglich teilnehmen. Er sei schon immer sehr ehrgeizig gewesen und habe seine selbst gesteckten Ziele verfolgt. Früher als Kunstturner und jetzt als Para-Athlet.

Obwohl in den letzten Jahren schon viel für den Rollstuhl-Sport passiert sei, wünscht er sich, dass es in den Medien noch mehr repräsentiert wird. «Ein kleiner Bericht im SRF-Sportpanorama wäre schon sehr schön», sagt er. Vor zwei Jahren war er bereits an der EM in Polen mit zwei Medaillen erfolgreich.

2014 verletzte sich Fabian Blum bei einem Doppelsalto an der Halswirbelsäule. Seither ist er Tetraplegiker. Bei einer Tetraplegie sind die Arme, Beine und der Rumpf betroffen. Links kann Blum die Finger nicht bewegen. Auch rechts ist die Kraft im Arm begrenzt, da ihm Muskeln fehlen. Die ersten drei, vier Wochen habe er gehadert, sagt er. «Das ist ganz normal, man weiss nicht, wie es weiter geht», sagt Blum. Bereuen, dass er geturnt hat, tut er nicht: «Ich hatte nie das Gefühl, ich hätte etwas anders machen sollen.»

Er ist optimistisch und lernt mit der Diagnose umzugehen. «Ich habe schnell wieder nach vorne geschaut und einen Weg gefunden, um mich zu motivieren», sagt er. «Es gibt sicher Menschen, die mit der Diagnose mehr zu kämpfen haben als ich. Mir hilft der Sport, daran kann ich mich festhalten.» Unterstützung bekommt er vom Paraplegiker Zentrum in Nottwil und von seinem Umfeld, seiner Familie und seinen Freunde. Sie haben auch seine beeindruckende Entwicklung miterlebt.

Zunächst probierte Blum Rollstuhl-Rugby, dann kam er zum Rennrollstuhl. Es gefiel ihm, er intensivierte das Training, merkte die Fortschritte und optimierte weiter. Mit Trainingsplan, Krafttraining und Tüfteln und Testen beim Material, schaffte er es in den Nationalkader und zu internationalen Meisterschaften.

Er angelt sich die Silbermedaille

Auch das Fischen, sein Hobby, hat ihm Kraft gegeben. Sein grösster Fang: eine Seeforelle von 86 Zentimeter Länge aus dem Neuenburger See. Blum fischt seit seiner Kindheit. Nach dem Unfall meldet ihn ein Kollege bei der TV-Show Happy Day an. Die Sendung erfüllt ihm den Wunsch eines rollstuhlgängigen Bootes. Gerade jetzt nach dem WM-Erfolg freue er sich sehr darauf mit seinem Bruder und den Freunden wieder angeln zu gehen.

Der Vize-Weltmeister-Titel bedeutet ihm viel. Er habe im letzten Jahr grosse Fortschritte machen können, im Training lief es gut. «Nur Training und Rennen sind zwei Paar Dinge», sagt Blum. Seine persönliche Bestleistung für die 100 Meter ist 17,50 Sekunden, in Paris fuhr er im Final 17,56 Sekunden. Er wusste, wenn es so gut läuft wie in den Vorläufen, dann kann er weit nach vorne fahren. Trotzdem startete er unbeschwert in das Final-Rennen. «Ich konnte ruhig, konzentriert und fokussiert bleiben.»

«Ich konnte ruhig, konzentriert und fokussiert bleiben.»

Für viele Menschen ist Blum eine Inspiration

Selbst sieht er sich nicht als Inspiration für andere Menschen, doch er bekommt oft positive Rückmeldungen. Seine Botschaft: «Glücklich sein mit dem, was man machen kann. Und wenn es mal nicht so läuft, trotzdem nach vorne schauen und an seinen Zielen festhalten. Einfach fröhlich bleiben.»

Rückschlage, Niederlagen und Verletzungen gibt es auch in der Sportlerkarriere von Blum. Für die letzten Paralympics schaffte er zwar die Limite, doch für die Qualifikation reichte es nicht. Blum war enttäuscht, nun gibt er alles für sein neues Ziel: Die Paralympics 2024 in Paris. Die Selektion wird im nächsten Jahr bekannt gegeben. Mit dem gewonnenen Quotenplatz stehen die Chancen für ihn gut, dass er dort teilnehmen wird. Und Erfahrung, wie er in Paris Medaillen gewinnt, hat Fabian Blum auch schon.

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